9. April 1930

Protest gegen die Diktatur des Proletariats. Am 9. April 1930 erscheint ein Artikel in der russischen Zeitung Smena und beschimpft die russische Literatengruppe "Oberiu" mit "Reaktionäre Jongleurskünste. Ein Anschlag literarischer Rowdies" und "sinnlose Jongleurkunst" und gar unter Stalin lebensbedrohend als "Protest gegen die Diktatur des Proletariats".

Oberiu. Die Leningrader Gruppe "Oberiu" wollte die traditionellen Gattungsgrenzen der Literatur auflösen, neuartige Kunstprojekte waren geplant, in denen auch Theater, Film und Malerei einen Platz finden sollten. Wie die Dadaisten waren sie Autoren und Akteure in Personalunion; und bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt 1928 unter dem Titel "Drei Linke Stunden" lasen sie nicht nur - in und auf einem Schrank sitzend und stehend - ein Manifest vor ("Die Kunst ist ein Schrank"), sondern sie brachten auch ein Drama zur Uraufführung - das heute berühmte Stück "Jelisaweta Bam" von Daniil Charms. Die meisten dieser Pläne wurden allerdings unter dem zunehmenden Druck der sowjetischen Kulturpolitik gegen unabhängige und experimentelle Gruppen nie realisiert. Einer der hervorragendsten Schriftstellerpersönlichkeiten dieser Gruppe war Daniil Charms. "Charms" - dieser Name ist nur eines der etwa 30 Pseudonyme Daniil Iwanowitsch Juwatschows (1905-1942).



Das Entsetzen wird Charms Schicksal, sein persönliches Lebensthema und der Tenor einer ganzen Epoche. Dabei waren die jungen Leute, die sich 1927 in der Leningrader Gruppe "Oberiu" ("Vereinigung der realen Kunst") zusammengetan hatten und zu denen neben Charms Alexander Wwedenski und Nikolaj Sabolozki gehörten, doch genauso selbstbewusst, übermütig und lachlustig wie ihre dadaistischen Zeitgenossen im Westen und veranstalteten nicht minder wilde Happenings als ihre Zunftkollegen. Doch schon am 9. April 1930 beendete der Zeitungsartikel "Reaktionäre Jongleurskünste. Ein Anschlag literarischer Rowdies" die Träume von einem ästhetischen Freiraum im Sowjetstaat, und weitere anderthalb Jahre später, im Dezember 1931, werden die jungen Wilden verhaftet und verurteilt, nach ihrer Entlassung 1932 auch für einige Monate nach Kursk verbannt. Im April 1932 verfügt der Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei "Über den Umbau der Künstler- und Schriftstellerorganisationen" dann endgültig die Unterwerfung der Kunst unter die Parteilinie.

Wenn es einen russischen Dichter des Absurden gibt, so ist es Daniil Charms. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die russische Literatur auf den Realismus verpflichtet war, schrieb er seine skurrilen Gedichte und Prosaminiaturen, die alle Sinnzusammenhänge in der unausweichlichen Logik des Zufalls aufheben. Obwohl keines seiner Werke nach 1932 zu seinen Lebzeiten wieder veröffentlicht werden sollte, schrieb Charms unentwegt weiter. Inzwischen haben westliche Bühnen den lange Verbotenen und Vergessenen, der 1942 mit erst 36 Jahren in einer Petersburger Gefängniszelle verhungerte, wiederentdeckt.



Diktatur des Proletariats. Die "Diktatur des Proletariats" ist ein sehr statisches Denkmodell zur Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft und zur Entmachtung der "Bourgeoisie". Generationen von sozialistischen Denkern haben ihre Zeit damit vertan, die Diktatur als demokratisches Instrument (so spricht man auch von der "demokratischen Diktatur des Proletariats") zu verteidigen. Hätten die Ideologen auch dieses "Instrument" historisch-analytisch, wie Marx und Engels die Geschichte und Gesellschaft betrachtet hatten, dann wäre man ja schnell dazu gekommen, es zu verwerfen. So gab es ja auch bis dahin genügend Modelle "wohlmeinender" und "aufgeklärter" Diktaturen, die allemal im Terror endeten. Es war ja nichts als die Legitimation für den Wechsel (bourgeoiser oder feudaler, nicht jedoch proletarischer!) Eliten und niemals war fertig gedacht, wie sich denn diese Diktatur in Demokratie verwandeln sollte, so wie es im Anschluss daran die gesamte Linke aufgegeben hatte, über die Demokratie überhaupt nachzudenken und sie weiterzuentwickeln. Dies überließ man ebenso einer "unsichtbaren Hand" wie der wirtschaftliche Liberalismus die Wohlstandsentwicklung dieser überlassen will. Die Theorie lebt heute links wie rechts weiter, wenn man angesichts von Wahlniederlagen die Wähler schlicht für dumm erklärt und ein "kleines Diktatürle" (seinerzeit Vorarlbergs Alt-LH Dr. Ulrich Ilg) fordert.

Nicht vor dem Terror halt machen. Nikolai Bucharin, einer der Theoretiker des russischen Sozialismus, insbesondere der Theorie von der Entwicklung des "Sozialismus in einem Lande", war von 1917 bis 1929 Chefredakteur der Parteizeitung Prawda (Wahrheit), ihm wurde 1937 von der "Diktatur des Proletariats" der Prozess wegen Hochverrats gemacht, wurde 1938 hingerichtet und 1988 ohne Auferstehung rehabilitiert. Wie demagogisch auch er von der Diktatur des Proletariats als eine Diktatur neuer Eliten schwärmt, die nichts mit irgendeinem wirklichen oder auch nur fiktiven Proletariat zu tun hat, sei hier exerziert:

"... Für die Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaftsordnung muss das Proletariat die gesamte Gewalt und die ganze Macht in seiner Hand haben. Es kann nicht die alte Welt stürzen, solange es nicht im Besitze dieser Macht ist, solange es nicht auf eine gewisse Zeit zur herrschenden Klasse geworden ist. Es versteht sich von selbst, dass die Bourgeoisie ihre Stellungen nicht kampflos räumen wird. Denn der Kommunismus bedeutet ja für sie den Verlust der früheren Machtstellung, den Verlust auf "die Freiheit", Schweiß und Blut aus dem Arbeiter herauszupressen, den Verlust des Rechtes auf Profit, Zinsen, Renten u. dgl. Die kommunistische Revolution des Proletariats, die kommunistische Umformung der Gesellschaft stößt deshalb auf den wütendsten Widerstand der Ausbeuter. Die Aufgabe der Arbeiterherrschaft besteht nun darin, diesen Widerstand schonungslos zu unterdrücken. Da aber dieser Widerstand unvermeidlich sehr stark sein wird, muss auch die Herrschaft des Proletariats eine Diktatur der Arbeiter sein. Unter "Diktatur" hat man eine strenge Regierungsart und Entschlossenheit in der Niederdrückung der Feinde zu verstehen. Selbstverständlich kann bei dieser Sachlage keine Rede von "der Freiheit" für alle Menschen sein. Die Diktatur des Proletariats ist unvereinbar mit der Freiheit der Bourgeoisie. Diese Diktatur ist gerade dazu nötig, um die Bourgeoisie der Freiheit zu berauben und sie an Händen und Füßen zu fesseln, um ihr jede Möglichkeit zu nehmen, das revolutionäre Proletariat zu bekämpfen. Und je größer der Widerstand der Bourgeoisie ist, je verzweifelter sie ihre Kräfte sammelt, je gefährlicher sie wird, desto härter und unerbittlicher muss die proletarische Diktatur sein, die im äußersten Falle auch nicht vor dem Terror Halt machen darf. Erst nach der vollständigen Niederhaltung der Ausbeuter, nach der Unterdrückung ihres Widerstandes, wenn es für die Bourgeoisie keine Möglichkeit mehr geben wird, der Arbeiterklasse zu schaden, wird die proletarische Diktatur milder werden. Inzwischen wird sich die frühere Bourgeoisie allmählich mit dem Proletariat vermengt haben, der Arbeiterstaat wird langsam absterben, und die ganze Gesellschaft wird sich in eine kommunistische Gesellschaft, ohne jede Klassenscheidung, verwandeln."


1 Kommentar:

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