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28.April 1521

Schutzhaft. Am 28. April 1521 teilt der Reformator Martin Luther dem Maler Lucas Cranach d. Ä. als einzigem seiner Freunde seine bevorstehende "Schutzhaft" mit: "...Ich lasse mich eintun und verbergen, weiß selbst noch nicht wo..." Cranach brachte auch einen Vorarlberger ins Bild, der als erster Priester entgegen seinem Gelübde heiratete.

Luther & Cranach. Mit den 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 veröffentlichte, nahm die Reformation ihren Anfang. Der aus Franken stammende Künstler Lucas Cranach d. Ä. (seinen Namen nahm er nach seiner oberfränkischen Geburtsstadt Kronach an) hatte daran seinen Mitverdienst. Mit hunderten von Gemälden und Grafiken diente der Hofmaler auch der Reformation und gab der protestantischen Botschaft seines Freundes Martin Luther künstlerischen Ausdruck.

Luther war Patenonkel seiner 1520 geborenen Tochter Anna, und Cranach hatte für Luther um die Hand Katharina von Boras geworben. Katharina von Bora wurde 1499 als Tochter eines verarmten Adligen geboren. Sie besucht ab 1504 die Klosterschule der Benediktinerinnen Brehna. 1508 tritt sie als Neunjährige in das Kloster Nimbschen (bei Grimma) ein, wo sie 1515 das Gelübde ablegt. Damit wird sie zum frühestmöglichen Termin Nonne. Ostern 1523 gelingt Katharina mit elf weiteren Nonnen die Flucht aus dem Kloster. Sie findet Aufnahme im Hause Cranachs des Älteren in Wittenberg.

Luther wiederum hatte Cranach nicht nur seine alsbaldige Schutzhaft angekündigt sondern auch Cranachs Gattin dabei ausdrücklich grüßen lassen. Mit Holzschnitten für Flugblätter, mit Altargemälden und Illustrationen zu Luthers Schriften leistete Cranach einen wesentlichen Beitrag, den Reformator und die Lehre des neuen Glaubens bekannt zu machen. Luthers Übersetzung des Neuen Testaments erschien 1522 als so genannte "Septemberbibel" im Verlag Cranachs. Wie sehr auch Luther um die Geschäfte seines Freundes Cranach bemüht war, zeigt ein derber Seufzer von ihm, denn in Cranachs Druckerei werden vor allem Lutherschriften gedruckt: "Ich wünsche von Herzen, gar nichts mehr herauszugeben, denn ich bin müde, solche Dinge zu schreiben. Aber des Lucas Presse braucht Unterhalt. Ich bin der Knecht des Gewinnes oder Geizes anderer geworden." Als Martin Luther 1526 heiratet, sind Cranach und seine Gattin Luthers Trauzeugen, und auch Taufpate, als Luthers ältester Sohn Johannes 1526 geboren wird.

Protestantische Kunst. Bei Cranachs Tochter Anna war Martin Luther Taufpate. Bei der Eheschließung Martin Luthers mit Katharina von Bora waren die Eheleute Cranach Trauzeugen. Von Luthers erstem Sohn Johannes wurde Cranach Taufpate. Cranach wurde durch seine Freundschaft mit Luther und Melanchthon zum Schöpfer einer protestantischen Kunst (u.a. Holzschnitte zur Bibel und für Reformationsschriften). Die Ausführung der Aufträge für Bildnisse, religiöse und mythologischer Bilder überließ Cranach immer mehr seiner Werkstatt, in der auch seine Söhne Hans Cranach (*1510, †1537) und Lucas Cranach d. J. (*1515, †1586) arbeiteten.

Der erste Akt. Cranachs erste bekannten, seit etwa 1500 in Österreich entstandenen Werke, in denen sich Figurendarstellung und Landschaft zu malerischer Einheit verbinden, gehören zugleich zu den frühesten Bildern der Donauschule. 1505 wurde er von Friedrich dem Weisen nach Wittenberg berufen, wo sich seine Kunst sehr bald zur linienbetonten Form seiner Spätzeit zu wandeln begann. Durch die Aufnahme des weiblichen Aktes, unter mythologischem Vorwand, wurde sein Themenkreis erweitert. Am Beispiel der Arbeiten Lukas Cranachs wird einsichtig, dass die Darstellung menschlicher Nacktheit auch im unmittelbaren Umkreis der Reformatoren keinerlei Einschränkungen unterlag, solange die Nacktheit christlich oder aber allgemein moralisch begründbar war. Damit entsprach die Nacktdarstellung dem Geist der Zeit, der Kunst in funktionalen Zusammenhängen dachte. Interessant ist im Kontext der Darstellung von Adam und Eva in der abendländischen Kunstgeschichte der Übergang von der Nackt- zur Akt-Darstellung. Cranach hat auch als erster bekannt gewordener Künstler außerhalb Italiens einen reinen Frauenakt gemalt. Er hat damit auch die Moderne beeinflusst, besonders durch sein Spätwerk: Das "Urteil des Paris" in seinen mannigfachen Variationen oder "Venus und Amor" inspirierte die Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel, vor allem aber Pablo Picasso und selbst Alberto Giacometti. Der Eros, der einer wissenschaftliche Erforschung der Ikonologie Cranachs lange entgegen stand, gewann im 20. Jahrhundert eine ganz andere Bedeutung: Die brisante Doppeldeutigkeit der Bilder gilt heute gar als eine der interessantesten Facetten in seinem Werk.

Vorarlberger im Bild. Berühmt ist Cranachs Dessauer Abendmahlsbild, das auch einen "Vorarlberger" zeigt. Dieses Abendmahlsbild von Cranach versammelt alle wichtigen mit der Reformation verbundenen Leute in Deutschland: den Stifter Joachim von Anhalt, den Maler Lukas Cranach, Herzog Georg von Anhalt, Martin Luther, Bugenhagen, Justus Jonas, Caspar Cruciger, Melanchthon, Johann Forster, Johann Pfeffinger, Georg Major und den aus Schlins/Feldkirch stammenden Bartholomäus Bernhardi.

Erster verheirateter Priester. Der Ankündigung Luthers, sich in "Schutzhaft" zu begeben, folgte seine "Entführung" auf die Wartburg und hinderte ihn auch an der ersten Verehelichung eines Priesters, des Vorarlbergers Bartholomäus Bernhardi teilzunehmen. Deftig gratulierte ihm Luther aus der Wartburg: "dass er den neuen Ehemann bewundere, der in dieser stürmischen Zeit nichts fürchte und dazu so sich beeilt habe. Gott wolle ihn leiten und geben, dass er in dem sauren Salat, den er sich damit angerichtet habe, doch auch einige Süßigkeiten verspüren möge."


Bernhardi Bartholomäus.
(*24.8.1487 in Schlins/Feldkirch, †21.7.1551 in Kemberg bei Wittenberg) Bartholomäus Bernhardi studierte in Erfurt, war seit 1504 in Wittenberg und wurde Magister artium. In Chur erhielt er die (katholische, altgläubige) Priesterweihe, kehrte aber bald nach Wittenberg zurück und wurde Professor der Physik, 1512 Dekan der Philosophischen Fakultät und 1518 Rektor der Universität. Bartholomäus Bernhardi promovierte 1516 zum Lic. theol. unter dem Vorsitz Martin Luthers, auf dessen Seite er 1517 im Ablassstreit stand und wurde 1518 Propst und Pfarrer in Kemberg. Bartholomäus Bernhardi verkündigte nicht nur die evangelische Lehre, sondern trat auch 1521 als erster Prediger in den Ehestand. Er vermählte sich trotz seines Priestergelübdes in Kemberg mit der Kemberger Bürgerin Gertraude Pannier. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. Damit wurde er der Begründer des evangelischen Pfarrhauses. Der Erzbischof von Magdeburg, Kurfürst Albrecht von Mainz, verlangte vom Kurfürsten von Sachsen, Friedrich dem Weisen, die Auslieferung Bernhardis an das geistliche Gericht. Zu seiner Rechtfertigung sandte Bernhardi dem Erzbischof eine Verteidigungsschrift: "Apologia pro M. Bartholomaeo praeposito, qui uxorem in sacerdotio duxit", die in mehreren lateinischen und deutschen Ausgaben in Erfurt und Wittenberg 1521 und 1522 erschien. Da sich der Erzbischof mit dieser Rechtfertigungs- und Verteidigungsschrift nicht zufrieden gab, wandte sich Bernhardi an seinen Landesherrn, den Kurfürsten von Sachsen, der seinen Prediger schützte und nicht auslieferte.

Berhardis Ehe war auch von dem Reformator Karlstadt in einer Druckschrift verteidigt worden ("Das die Priester Eeweyber nemen mögen vnd sollen. Beschutz red des würdigen herren Bartolomei Bernhardi, probsts zü Camberg, so von Bischoff von Meydburg gefordert, antwurt zü geben, das er in priesterlichem standt, eyn iungkfrauw zü Ee genommen hatt." Andreas Rudolff-Bodenstein von Karlstadt - Strassburg: Reinhard Beck Erben 1522). Karlstadt war wiederum wegen Berhardi erst zum Reformator geworden. Er war anfangs ein Gegner der neuen Theologie Luthers, den er am 18.10.1512 zum Dr. theol. promoviert hatte und wollte ihn aus Augustinus widerlegen, kam aber durch das Studium der Schriften Augustinus zu der Erkenntnis, dass Luthers Schüler Bartholomäus Bernhardi, der am 7. September 1516 die ockhamistische Lehre, dass der Mensch aus eigener Vernunft und Kraft die Gebote Gottes erfüllen könne, bestritten hatte, doch recht habe, und trat nun selber am 26.04.1517 mit 151 Disputationsthesen "de natura, lege et gratia" öffentlich für die neue Lehre ein.

In Kemberg steht ebenfalls ein Cranach-Altar, allerdings von Cranach dem Jüngeren. Wie in dieser Zeit bei einer Reihe von Altären und Epitaphen üblich, ist auch hier das Bild der Taufe Christi um eine Gruppe von Reformatoren vermehrt, in der neben dem amtierenden Propst Matthias Wenckel die Bildnisse von Luther, Melanchthon, Bugenhagen, Bernhardi, aber auch des vierundfünfzigjährigen Lucas Cranach erscheinen. Leider ist dieser Altar bei einem Brand erheblich beschädigt worden.

Wie sehr Luther den "Feldkircher Bartholomäus" schätzte, geht aus dem Schreiben Martin Luthers Mitte Oktober 1516 an seinen Ordensmitbruder in Erfurt, den Augustiner Johannes Lang: "Es besagt nichts, dass sich Deine Gabrielisten über meine, vielmehr des Bartholomäus Feldkirchen Thesenreihe (Anm.: De viribus et voluntate hominis sine gratia) verwundern, da sich auch die Meinigen bisher gewaltig darüber wundern. Freilich ist die Thesenreihe selbst nicht von mir gemacht, sondern Magister Bartholomäus hat sie so aufgestellt, nämlich bewogen durch das Geschwätz der Kläffer gegen meine Vorlesung. Ich weiß, was Gabriel sagt: Es ist alles treffend, außer wo er von der Gnade, der Liebe, der Hoffnung, dem Glauben, den Tugenden redet; wieviel er da mit seinem Skotus pelagianisiere, ist nicht derart, dass ich es jetzt brieflich vorbringen könnte."

Eugène Delacroix (*26.4.1798-†13.8.1863)

Eugène Delacroix (* 26. April 1798 in Charenton-Saint-Maurice, einem Vorort von Paris; † 13. August 1863 in Paris) wurde am 26.4.1798 in Charenton-St. Maurice bei Paris als viertes Kind von Charles Delacroix, bevollmächtigter Minister in den Niederlanden und Victoire Œben (1758-1814) geboren.

École des Beaux-Arts. Delacroix begann seine malerische Ausbildung im Pariser Atelier von Pierre Narcisse Guérin und besuchte mit siebzehn Jahren die École des Beaux-Arts. Delacroix wurde von den Werken Goyas, Rubens und Veroneses sehr stark beeindruckt und von der Bekanntschaft zu Géricault inspiriert. 1822 wurde sein erstes Hauptwerk, die "Dantebarke", zur Hauptattraktion im Pariser Kunstsalon. Der Ankauf des Gemäldes durch den Staat verschaffte ihm öffentliche Anerkennung. 1824 löste das Gemälde "Gemetzel von Chios" einen Skandal aus, weil es der offiziellen idealisierenden Kunstauffassung Leidenschaft, Dramatik und eine neue Freiheit des Farbausdruckes entgegensetzte.



London. Im Jahre 1825 ging er nach London, wo er sich mit den Werken Lawrences, Gainsboroughs und Turners auseinander setzte, um nach seiner Rückkehr nach Paris zum Hauptvertreter der romantischen Malerei in Frankreich zu werden; dies setzte ihn der Kritik der Klassizisten aus. Es waren auch literarische Werke, wie solche Shakespeares, Sir Walter Scotts, Byrons oder Goethes, die Delacroix anregten.

Paris. Als Begleiter eines französischen Gesandten reiste Delacroix 1832 nach Nordafrika und Südspanien, was ihn unendlich faszinierte und Stoff für zahlreiche Gemälde lieferte, so dass unter anderem Bilder mit Haremsszenen und Löwenjagden entstanden. Delacroix erhält 1833 den Auftrag zur Ausgestaltung des Salon du Roi im Palais Bourbon. Es folgen weitere Wand- und Deckenmalereien in Pariser Palais und Kirchen. Er verbringt ab 1842 immer wieder längere Zeit bei Georges Sand und Frédéric Chopin in Nohant. In den folgenden Jahren erhielt er viele offizielle Aufträge, wurde dennoch zunehmend kritisiert und lebte, nachdem er erst 1857 nach zahlreichen Aufnahmegesuchen Mitglied der Académie des Beaux-Arts wurde, in seinen letzten Lebensjahren sehr zurückgezogen.

Er starb am 13. August 1863 im Alter von 65 Jahren einsam in Paris.


Links:
Eugène Delacroix - Wikipedia
28.Juli 1830: Auch die Propaganda der Revolution braucht Heilige

[Erwähnte Kalendertage in diesem Beitrag: 26. April 1798, 28.Juli 1830, 13. August 1863]

Édouard-Léon Scott de Martinville (*1817-† 26. April 1879)


Édouard-Léon Scott de Martinville (* 1817 in Paris; † 26. April 1879 in Paris) war ein in Paris lebender französischer Drucker und Buchhändler und gilt als der Erfinder des Phonautographen (Schallselbstschreiber). Er erfand 1855 das erste bekannte Gerät zur Aufzeichnung von Tönen. 1857 erhielt er das französische Patent mit der Nummer 17.897/31.470 für seinen Phonautographen.



Der Phonautograph verwendete ein Horn um Töne aufzunehmen, das Horn war an eine Membran angeschlossen, die mittels einer dort befindlichen Schweinsborste auf einem handgekurbelten Zylinder eine Aufzeichnung erstellte. Scott erstellte mit Hilfe von Rudolph Koenig, einem ortsansässigen Feinmechanik-Instrumentenbauer, mehrere Geräte. Der Phonautograph war aber nicht in der Lage die audiovisuellen Aufzeichnungen wiederzugeben.Scott, der auch ein Buch über die Geschichte der Kurzschrift publizierte verstand sich offenbar als "Drucker" Er konnte die Schallwellen archivieren, sozusagen "Drucken" jedoch nicht die archivierten Schallwellen wieder in solche reproduzieren.



[Erwähnte Kalendertage in diesem Beitrag: 26. April 1879]

26. April 1840


Der Schweizer Gottfried Keller über die Deutschtümelei. Am 26. April 1840 reiste Gottfried Keller zur Ausbildung als Maler nach München. Daraus wird allerdings nicht viel. Von dort ist aber sein Engagement gegen "Deutschtümelei" überliefert: Keller erklärt die Schweizer Einwanderer für ebenso gute Schweizer wie jene, die schon bei Sempach für die Schweiz gekämpft hatten.

Malerausbildung in München. Aber es wurde wohl nichts daraus. Das "Maler-Handwerk" erfreute ihn auch nicht sonderlich und in München ging er offenbar nicht allzu interessiert seiner Ausbildung nach. Wie der Held seines Romans der "Grüne Heinrich" schlägt er sich als mittelmäßiger Landschaftsmaler durchs Leben und scheitert. Auch Keller verstand sich als Gescheiterter, der nach Jahren, in denen er nur eine einzige Sehnsucht kannte, nämlich Maler zu werden und sich als solcher in München zu etablieren, mit leeren Händen zurückkehrt. München war damals ein Zentrum für Schweizer Künstler. Zwischen 1820 und 1900 hielten sich mehr Schweizer Künstler in München auf als in jeder Deutschschweizer Stadt: Insgesamt rund zweihundert, auch wenn von dem meisten heute nur noch Spezialisten deren Namen kennen. Keller kehrte 1842 nach Zürich zurück und wandte sich der Dichtkunst zu, unter dem Einfluss zahlreicher deutscher Emigranten (Herwegh, Freiligrath) insbesondere der politischen Lyrik. Zwei Jahre nach Erscheinen seiner ersten Gedichtsammlung (1846) erhielt er von Zürich ein Stipendium zu einem Studium in Deutschland.



Wochenblatt-Redakteur. In den Biografien wird schon vom ersten Jahr des Studienaufenthaltes vermerkt, dass er Redakteur des Wochenblattes der Schweizergesellschaft geworden wäre und tausende Referateschreiber füllen auch diesen Versatztext in ihre Haus- und Schulaufgaben und interpretieren eine journalistische Tätigkeit, den Beginn seiner schriftstellerischen Arbeit hinein. Was war das für ein Wochenblatt? Die Wirklichkeit war die: Im Münchner Wirtshaus "Wagnerbräu" traf sich einmal wöchentlich die Schweizer Studentenverbindung zur Kneipe. Dort wurde auch das "Schweizer Wochenblatt" verlesen. Einer der Hauptredakteure dürfte wohl Gottfried Keller gewesen sein. Eine Drucksache war es wohl nicht, denn es bestand aus einem einzigen Exemplar, wohl einem handschriftlichen. Überliefert sind ohnedies nur jene Beiträge, die Keller verfasst und in seine frühen Studienbücher eingetragen hat.



Sempach. Diese Zeit des bereits gärenden Vormärzes hatte auch allerlei Nationalitätsgeschwafel zum Inhalt. Während Keller selber mit der Revolution liebäugelt, auch zweimal mit den liberalen Freischarzügen (1844 und 1845) gegen das jesuitische Luzern zieht, hat er nichts mit der Deutschtümelei auf dem Hut. Dagegen sprach sich Gottfried Keller in einem solchen - von ihm verlesenen - Wochenblatt (März 1841) mit aller Deutlichkeit aus, die man heute nicht nur manchem "Völkischen" ans Herz legen könnte sondern auch in der Migrationsdebatte neuerlich einbringen darf. Keller erklärt die Schweizer Einwanderer für ebenso gute Schweizer wie jene, die schon bei Sempach für die Schweiz gekämpft hatten:

"Die Deutschen glauben uns dadurch hauptsächlich zum Schweigen zu bringen dass sie behaupten, das schweizerische Volk gehöre seiner Abstammung nach gar nicht zusammen, sondern die deutsche Schweiz gehöre eigentlich zu Deutschland, die französische zu Frankreich u. s. f. kurz jeder Theil unsres Landes gehöre zu dem seiner Abstammung entsprechenden Theil der angränzenden Staaten und das ist vorsätzliche Nichtbeachtung unseres Nationalcharakters.

Denn, zugegeben dass wir den nähmlichen Völkerstämmen entsprossen sind, wie unsere Nachbaren, so thut das durchaus nichts zur Sache. Der Geist der Generationen verändert sich unendlich u wenn wir jener Ansicht u der Bibel folgen müssten, so wäre die ganze Menschheit nur eine Nation u müsste folglich nur einen einzigen Staat ausmachen. Die jetzige Bevölkerung Englands ist entstanden aus Britaniern, Römern, Angelsachsen, Normannen, Celten u. s. f. die alle einander wechselweise besiegt, verdrängt od unterdrükt haben u doch ist die englische Nation jetzt eine Ganze, Untheilbare, originell in ihrem Charakter u weder mit den jetzigen Franzosen, noch Deutschen, noch irgendeinem Volke ähnlich. So ists auch mit den Schweizern gegangen.

Die Urkantone waren von jeher frei in ihren Bergen, man weiß von keinem Herren, der sie gesetzlich jemahls regiert hätte. Albrecht suchte sie mit Gewalt zu zwingen, | und von da an schufen sie sich ihr eigenes Geschick, u an dieses knüpfte sich nach u nach, bis auf unsere Zeiten, die ganze gegenwärtige Schweiz theils aus innerem Drange u Neigung, theils aus äußerlichem Bedürfniß an; u durch die Verfassungen, die sie sich selbst gaben, sind sie eben so verschieden worden von denen mit denen sie gemeinschaftliche Abstammung hatten.

Der Nationalcharakter der Schweizer besteht nicht in den ältesten Ahnen, noch in der Lage des Landes noch sonst in irgend etwas Materiellem; sondern er besteht in ihrer Liebe zur Freiheit, zur Unabhängigkeit, er besteht in ihrer außerordentlichen Anhänglichkeit an das kleine, aber schöne u theure Vaterland, er besteht in ihrem Heimweh, das sie in fremden, wenn auch den schönsten Ländern, befällt.

Wenn ein Ausländer die schweizerische Staatseinrichtung liebt, wenn er sich glücklicher fühlt bei uns, als in einem monarchischen Staate, wenn er in unsre Sitten u Gebräuche freudig eingeht und überhaupt sich einbürgert, so ist er ein so guter Schweizer, als einer, dessen Väter schon bei Sempach gekämpft haben."

Der Aufenthalt zur Erlernung der Malerei in München scheint den politischen Keller allerdings befördert zu haben. Jedenfalls hatte er sich ab 1843 der politischen Lyrik zugewandt. 1845 erscheinen bereits seine "Lieder eines Autodidakten", ganz unter dem Eindruck von Georg Herweghs "Gedichte eines Lebendigen" und auch in dem gleichen vom deutschen Bundestag verbotenen Exilverlag.

6. April 1327

Die Begegnung mit Laura. Am 6. April 1327 begegnet Francesco Petrarca in der Santa Chiara in Avignon erstmals Laura "ihr Haar frei gelöst und blonder als blankes Gold". Ihr widmet er seine berühmte Gedichtsammlung "Canzoniere", in der er seine unerfüllte Liebe zu ihr besingt. Petrarca schildert auch, dass seine Laura am 6. April 1348 an der Pest verstorben sei.

Laura. Das wird berichtet: Im alten Stadtviertel Les Roues von Avignon, in der Kirche Sainte-Claire, traf am 6. April 1327 der italienische Dichter und Gelehrte Francesco Petrarca, der 1326 in Avignon, die niederen priesterlichen Weihen empfangen hatte, Laura de Novis, die ihn zu seinen berühmten Liebes-Sonetten anregte, aber nie erhörte, zum ersten Mal. Sie war seit 1323 mit Graf Hugues de Sade, einem Vorfahren des Marquis de Sade verheiratet. Abgestoßen von der Sündhaftigkeit und Gottlosigkeit, die in der Stadt herrschten, verließ er nach wenigen Jahren Avignon, die geistige Hauptstadt Europas nannte er gar "Abfallgrube" und unterschlug sie weitgehend in seinem Werk.

Nun ob es diese Laura wirklich gegeben hat, ist fraglich. Die geschichtsbewussten "Kriminalisten" die hinter Laura her hetzen, haben ein Dutzend von Lauras ins Gespräch gebracht. Angeblich wollte man schon 1533 Lauras Grab in Avignon - wahrscheinlich auf königlichen Geheiß - ausgekundschaftet haben. Das Datum 6. April 1327 gibt Petrarca selber an und sagt, es wäre ein Karfreitag gewesen. Die Forscher haben dafür allerdings den Ostermontag festgemacht.

Petrarcas Zeitgenosse Bocaccio war schon überzeugt, dass Laura allegorisch gedeutet werden muss. Petrarca schildert auch, dass seine Laura am 6. April 1348 an der Pest verstorben sei. Das gleiche Datum (6. April) verunsichert Historiker weiter. Jedenfalls hatte die Laura zwei goldrichtige Silben für den Dichter und seine Dichtung und so konnte er mit den Silben ihres Namens Laura besingen als Atem der Lüfte – l´aura gentil, l´aura serena, l´aura celeste, l´aura mia sacra - oder als goldenen oder grünen Lorbeer der Poesie – l´aura che´l verde lauro e l´aureo crine.



Francesco Petrarca an Laura:

"So schwebst du leicht und heiter vor mir her,
Geliebte, stolz, von Liebe nichts zu wissen.
Ich folge dir, von Sehnsucht hingerissen.
- Ach, das Verlangen macht die Umkehr schwer!
Versklavt gebrochen, ohne Gegenwehr,
Verrät den Schwachen treulos das Gewissen.
Ich mühe mich in tausend Finsternissen,
Ich find die rechte Straße nimmermehr.
Zum Tode führt die Strasse, die ich schreite.
Ich weiß es, Laura, doch sie führt zu dir!
So duld ich, dass die Liebe mich geleite.
Du, Laura, gleichst des Lorbeers herber Zier:
Wer, sie verkostend, hoffte zu gesunden,
Gesundet nicht, er stirbt an seinen Wunden."

Sonett. In Italien entwickelte es sich aus der Strophenform der Kanzone oder dem italienischen Volkslied am Hof Kaiser Friedrichs II. in Palermo und wurde später von toskanischen Dichtern, vor allem Dante Alighieri, weiterentwickelt. Heute spricht man vom italienischen oder petrarkische Sonett, weil es eben Petrarca zur Hochblüte brachte. In dessen "Canzoniere" um 1327 finden sich 317 Sonetten. Ursprünglich wurden Sonetten mit musikalischer Begleitung z.B. durch die Mandoline vorgetragen und so sind auch Petrarcas Sonetten von List bis Schönberg oftmals vertont geworden.

Petrarkismus. Seit der frühen Renaissance haben Komponisten die Gedichte aus dem "Canzoniere" in unzähligen Madrigalen und mehrstimmigen Gesängen vertont. Einzelne formale und inhaltliche Elemente dieser Lyrik (Sonettform, Antithetik, lautmalerisches Spiel mit dem Namen der Geliebten, der Attribute in Art eines "Schönheitskatalogs" zugesprochen werden; sie ist ein bezauberndes, aber abweisendes Wesen, das den Dichter lustvollen Schmerz über die unerfüllte Liebe artikulieren lässt) haben in vielen Ländern Nachahmer gefunden. Diese Lyriktradition wird als Petrarkismus bezeichnet. Diese literarische Strömung im 16. Jahrhundert spiegelt sich direkt in der Musik jener Zeit.

Poeta Laureatus. Petrarca genoss bereits zu Lebzeiten als Moralphilosoph und Humanist ein hohes Ansehen. 1341 wurde er zudem in Rom zum "Poeta Laureatus" gekrönt. Nach etwa 1630 wurde es aber für fast 150 Jahre einiges stiller um Petrarca und sein Werk. Mit dem Siegeszug der Volkssprache setzte auch die Anerkennung als bahnbrechender italienischer Dichter ein. Ende des 18. Jahrhunderts wurde er von Dichtern und Komponisten wieder entdeckt. Dies gipfelte in einer wahren Petrarca-Renaissance im 19. Jahrhundert.

Canzoniere. Die unerfüllte Liebe, deren so wesentlicher Bestandteil das Leiden an der Liebe ist, liegt als Liebeskonzeption dem ganzen Laura-Thema zugrunde. Petrarcas Lyriksammlung "Canzoniere" umfasst 366 Texte, deren Entstehung sich über etwa 45 Jahre verteilt, davon die erwähnten 317 Sonetten. Petrarca hat kaum ein Werk vollendet, seine Arbeiten ("Fragmentum") hat er vielmehr immer wieder revidiert und weiter getrieben. Als er starb, saß er über der neunten Fassung der Texte. Ganz entgegen seiner sonstigen Praxis sind die Texte auch nicht in lateinischer sondern in umgangssprachlichem Italienisch gehalten. Obwohl er heute gerade wegen dieser Texte unsterblich geworden ist, geht man davon aus, dass er diesen Texten nicht jene Bedeutung beigemessen hat. Eben weil sie nicht in Latein erschienen, aber dem Meister der Selbstinszenierung wird wohl eine Verbreitung über seinen Stand hinaus beabsichtigt haben. Und deutlich wird dies in einem Brief Petrarcas: "Ich will, dass mein Leser, wer er auch sei, nur mich, nicht die Hochzeit seiner Tochter, nicht die Nacht mit der Freundin, nicht die Fallstricke des Feindes, nicht die Bürgschaft, nicht das Haus, nicht seinen Acker oder seinen Schatz im Sinn hat, und zumindest solange er liest, will ich, dass er bei mir ist. (...) Wenn dieser Pakt keine Zustimmung findet, soll er sich von den überflüssig gewordenen Texten fernhalten; ich will nicht, dass er gleichzeitig Geschäfte treibt und studiert, ich will nicht, dass er ohne Mühe aufnimmt, was ich nicht ohne Mühe schrieb."

Das Werk hat Petrarca - daran hat er selber unermüdlich gearbeitet - unsterblich gemacht. Laura hat es in den Sternenhimmel der Weltliteratur erhoben. Aus den Texten lässt sich jedenfalls eine allegorische Geschichte rekonstruieren. Er stilisiert sich als Schöpfer seiner selbst unentwegt und stets neu. Die "Seufzer des Herzens" gelten zwar der Imagination "Laura", die ein Schönheitsideal der Renaissance verkörpert. Laura wird zum Spiegel der eigenen Seelenlage und Petrarca nimmt damit die moderne Innerlichkeit vorweg. Die Begegnung des lyrischen Ich mit Laura, dem unerwiderten Liebeswerben, der Sehnsucht und Verzweiflung des Liebenden und dem Tod der Geliebten handelt zu allererst von ihm, von seinen Gefühlen, auch wenn der erste Teil, "In vita di Madonna Laura", die lebende und der zweite Teil, "In morte di Madonna Laura", die tote Laura besingen.

90. Sonett des "Canzoniere"
(Übersetzung nach Hans-Jürgen Schlütter)

Es waren die Haare aus Gold in der Luft ausgebreitet,
die zu tausend süßen Knoten sie verstrickte,
und maßlos brannte das liebliche Licht
jener schönen Augen, die jetzt so wenig davon geben;
und das Gesicht nahm mitleidsvolle Farben an
- ich weiß nicht, ob echt oder falsch -, mir schien es (so):
Ich, der ich den Liebesköder in der Brust hatte,
was wundert’s, wenn ich sofort entflammte?

Nicht war ihr Gang der einer Sterblichen,
sondern engelhafter Art, und die Worte
klangen anders als von bloß menschlicher Stimme;
ein himmlisches Wesen, eine lebendige Sonne
war das was ich sah, und wenn sie auch jetzt nicht (mehr) so wäre:
(Eine) Wunde heilt durch Lockerung des Bogens nicht!

Geburtsurkunden. Petrarca wird nicht ungern als erstgeborener moderner Intellektueller gehandelt. Als Sohn eines aus Florenz verbannten Notars wuchs Petrarca teils in Italien, teils in der Umgebung des Papsthofes in Avignon auf. Nach einem Jurastudium erhielt er 1326 die Weihe zum Geistlichen. Petrarca setzte allerdings ganz auf eine philosophisch-literarische Karriere und begab sich auch deshalb immer wieder in Abhängigkeit von weltlichen und kirchlichen Herren, um die eigenen Projekte voranzutreiben.

Antike. Ein Hauptaugenmerk galt der Wiederentdeckung antiker Autoren. Unermüdlich suchte er auf seinen Reisen nach verschollenen Handschriften. In seinen in lateinischer Sprache abgefassten Schriften, dem weitaus größten Teil seines Werkes, waltet das Prinzip einer produktiven Auseinandersetzung mit den antiken Vorlagen. Beispielhaft in dieser Hinsicht sind das Epos Africa (1338-43) oder die Biographiensammlung De viris illustribus (Von berühmten Männern). Weiterhin versuchte Petrarca, die antike Philosophie mit der zeitgenössischen christlichen zu verbinden. Mit dem Dialog Secretum (Gespräch über die Weltverachtung) wandte er sich direkt an den Kirchenvater Augustinus, um das Verhältnis von Glauben und Dichtung zu diskutieren. In De vita solitaria (Vom einsamen Leben) oder De otio religiosorum (Von der Muße der Mönche) werden Weltflucht und Meditation beschworen, aber zunehmend in den Dienst der Dichtung gestellt.

Humanismus. Seine Bedeutung als führender Geist des Frühhumanismus liegt in seinen zahlreichen, oft in Hexametern abgefassten Kunstbriefen. Sie richten sich an tote (Cicero, Seneca, Homer) oder lebendige (Boccaccio) Freunde und Verwandte des Dichters und bilden in ihrer Gesamtheit eine erste moderne Autobiographie.

Alpinismus. Doch er ist auch ein Fast-Schutzpatron der Bergsteiger und Alpinisten. "Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windumbrausten, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen" schrieb er in einem Brief an Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro. Am 26. April des Jahres 1336 erreichte Francesco Petrarca, "lediglich aus Verlangen", zusammen mit seinem Bruder und zwei weiteren Begleitern den Gipfel des Mont Ventoux, den Windberg. Man bezeichnet ihn als den "Vater der Bergsteiger" und den 26. April 1336 als den "Geburtstag des Alpinismus".

Das Neuartige an dieser Schilderung besteht in der Naturwahrnehmung, die sich von der symbolischen Landschaftserfahrung des Mittelalters abhebt. Andererseits kommt hier wieder ein Ich zur Sprache, welches das eigene konkrete Erleben von Raum und Zeit nicht mehr in einem göttlichen Zusammenhang aufgehoben sieht. Einige Interpreten haben diesen Brief deswegen auch als die Geburtsurkunde der modernen Subjektivität gelesen.